Interview Sievert Weiss

Du hast mal gesagt, dass du nicht der geborene Unternehmer bist. Wie kommt es, dass du mittlerweile Chef von einem Unternehmen und 300 Mitarbeitern bist?

Meine Mitgründer und ich haben Medizin studiert und zusammen für das Abschlussexamen gelernt. Das war 2010. Damals gab es das Internet, es gab online Möglichkeiten für die Examensvorbereitung. Diese Möglichkeiten waren aber alle total veraltet und irgendwie frustrierend. Wir haben also angefangen rumzuspinnen, wie man das besser machen könnte.
Nach bestandenem Examen haben wir uns dann gefragt, ob unsere Spinnereien nicht vielleicht doch ganz gut waren und ob wir’s nicht ausprobieren sollen. So haben wir angefangen. Letztlich muss man sagen: Es hat sich uns ein Problem aufgedrängt, sodass wir gar nicht anders konnten als darauf zu reagieren.

Du bist ja nun schon ein wenig länger Unternehmer. Was sind die größten Veränderungen, seit dem du Unternehmer bist?

Zum Bereich EdTech kann ich sagen, dass dieser relativ lange ziemlich verstaubt war. Natürlich nutzt die Branche die Möglichkeiten, die der digitale Raum schafft, aber bis jetzt habe ich nicht das Gefühl gehabt, dass da etwas total Durchschlagendes dabei gewesen ist.
Erst seit Corona ist das Thema voll auf die Agenda gerutscht ist. Das hat in einigen Bereichen, etwa bei Institutionen, Geldgebern oder Gründungen, dazu geführt, dass Leute das Thema als spannend empfinden. Ich würde eher von einer Art Environment-Shift reden.

Im Bereich Digital Health dagegen passiert sehr viel. Es gibt einige, auch von der Politik vorangetrieben Initiativen. Auch wenn manche noch nicht ganz abgeschlossen sind, wie z. B. das Rezept per App oder die digitale Patientenakte, bieten sich hier gute Rahmenbedingungen, damit viel passieren kann.

Themen wie ein starrer Lehrplan werden heute oftmals nicht mehr als Zeitgemäß betrachtet. Oft ist auch die Rede von lebenslangem Lernen. Wo sind deiner Meinung nach die größten Veränderungen nötig?

Wir sind immer noch nicht so weit, dass wir von einer echten Chancengleichheit sprechen können. Das ist ein großes Thema. Darin müssen wir besser werden. Als Beispiel ein Kind aus einer eher ärmlichen Familie: Die Eltern müssen lange Arbeiten, um den Lebensunterhalt finanzieren zu können. Die Zeit und Aufmerksamkeit für das Kind sinken automatisch. Dadurch hat es weniger Chancen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus sozial schwachen Familien studieren geht ist weiterhin geringer, weil es oft gar kein Bewusstsein für diesen Weg hat oder es von Zuhause nicht unterstützt wird.
Es muss auch gar nicht immer das Non-Plus-Ultra sein zu studieren. Dennoch sollten die, die wollen und intrinsisch können, auch die Chance dazu erhalten. Das täte uns als Gesellschaft gut.
Was die Vermittlung von Inhalten angeht, besteht noch viel Potenzial. Es ist schon ein wenig her, dass ich in der Schule war. Aber auch im Studium war es noch sehr frontalunterrichtlastig. Wenn wir da mehr zu projektbasierten, asynchronen und interessengesteuertem Lernen gehen, würde das wahrscheinlich mehr Erfolg für den einzelnen bringen als der aktuelle “One-Size-Fits-All”-Ansatz.
Grade in der Medizin haben wir viel mit dem faktenbasiertem Lernen zu tun. Aktuell spricht man von 73 Tagen, bis sich die Menge an Wissen in der Medizin verdoppelt hat. Das wird es in Zukunft unmöglich machen, alles zu lernen. Wir sollten uns daher der Frage widmen, was wir vermitteln wollen. Vielleicht sollte man sich eher um Skills und um Grundlagen kümmern. Besondere Fähigkeiten, wie z. B. das schnelle Verständnis von neuen Studien, können dem Arzt helfen, sich auch später schnell und zielgenau Wissen anzueignen, ganz nach Bedarf. Und da sind wir beim lebenslangen Lernen. Jeder sollte sich die Frage stellen: Was heißt das eigentlich für mich?

Ihr habt mit AMBOSS einen eigenen Bildungsfond, um Chancengleichheit zu ermöglichen. Was aber kann die Regierung tun, um allen die gleichen Möglichkeiten zu bieten?

Die Hälfte der Menschheit hat keinen Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdiensten.
Schneller Zugang zu aktuellen und verlässlichen medizinischen Informationen sollte nicht nur Ärzten der westlichen Welt vorbehalten sein. Mit unserer Global Health Initiative wollen wir allen Ärzten die gleichen Möglichkeiten geben. Wir stellen ihnen z. B. den Zugang zu unserer Plattform bereit.
Aber wie gewährleiste ich grundsätzlich Zugang zu den gleichen Möglichkeiten? Das ist natürlich sehr schwierig. Wir müssen uns vorher um größere soziale Themen kümmern. Wie schaffe ich es, dass alle die Möglichkeit haben, an einem Computer zu lernen? Wie schaffe ich es, dass alle einen Platz haben, an dem sie ungestört lernen können. Ich habe da keine Patentlösung. Wichtig ist, den Einfluss von Vorurteilen zu mindern. Selbst der Name auf der Klassenarbeit beeinflusst den Lehrer, auch wenn er dies gar nicht merkt.
Ich war in meinem Studium Stipendiat. Habe mich auch sehr darüber gefreut, doch was bedeutet das eigentlich? Du bekommst ein Stipendium, weil du in der Schule gut bist, vielleicht weil du aus einem guten Elternhaus kommst und du zusätzlich noch extra-curriculare Interessen verfolgen kannst. Ein anderer kann diese Interessen nicht verfolgen, weil er sich neben der Schule um seinen Lebensunterhalt kümmern muss. Auch wenn er eigentlich das Potenzial hätte, Stipendiat zu werden, wird es ihm durch diese automatische Selbstverstärkung erschwert.

In Deutschland wird häufig veraltetes Equipment als größtes Problem gesehen. Was kann dennoch jeder einzelne tun, um den Fortschritt abseits dessen voranzutreiben?

Ich glaube nicht, dass das veraltete Equipment das Problem ist, auch damit könnte man moderneren Unterricht machen. Und mit Tablets alleine ist auch niemandem geholfen. Es bedarf stattdessen eines anderen Mindsets. Zunächst einmal, kann der Einzelne gar nicht so viel tun: Schule ist ein Konstrukt, welches auf Konformität trimmt. Alle sollen die Erwartung des Lehrers erfüllen. Schule lässt da einige zurück, die in diesem System nicht funktionieren können oder wollen. Man könnte mehr Potenzial schöpfen, wenn man es schaffte, dass das, was vermittelt werden soll, von den Schülern selbst entdeckt wird. Lernen sollte ein Stück weit interessengesteuerter, selbstbestimmter und asynchroner werden. Natürlich weiß ich, dass eine andere Umsetzung strukturell und organisatorisch schwer ist. Aber das Erlernen von Fähigkeiten und Wissen ist in so einem durchgetakteten und strukturierten System meiner Meinung nach sehr viel schwieriger.
Und was kann jeder Einzelne dazu beitragen? Ich glaube, Lehrende jeglicher Couleur sollten sich mehr in die Empfänger ihrer Botschaft hineinversetzen und sich fragen, wie sie gewährleisten können, dass so viele Schüler wie möglich den zu lernenden Stoff wirklich mitnehmen. Das heißt vielleicht auch, dass der Dozent sagt: “Ihr müsst nicht zu der Vorlesung kommen. Bereitet euch vor, in eurem eigenen Tempo. Ich stehe zur Vorlesungszeit bereit und beantworte eure Fragen.” Da kann man nur jeden einzelnen ermutigen, den Fortschritt voranzutreiben.
Es geht um eine andere Art des Lernens und Lehrens.

Also eine höhere Individualisierung des Unterrichts würde Fortschritt bringen?

Ja! Genau das ermöglicht uns die Digitalisierung. Ein Lernalgorithmus kann z. B. individuelle Stärken und Schwächen erkennen und dann gezielt weiteres Material anbieten. So funktioniert z. B. auch die Examensvorbereitung bei AMBOSS.

Wer sind Gründer und Gründerinnen aus der deutsche EdTech Szene, die jeder kennen sollte?

Uns natürlich (lacht). Es gibt aber natürlich auch andere spannende Leute. Stephan Bayer von Sofatutor. Verena Pausder, die für dieses Thema auch politisch sehr aktiv ist. Oder auch Sebastian Thrun, der mit Udacity einiges gemacht hat. Aus dem Stehgreif kann ich gar nicht so viele nennen. Interessanter finde ich die Frage: Wie kommen wir dahin, dass wir mehr Gründer bekommen?
Für mich ist es immer spannend, Gründer zu sehen aus Bereichen, in denen Gründen nicht normal ist. Es gibt z. B. wenig gründende Ärzte, Biologen oder Chemiker. Dieser Weg ist in manchen Bereiche einfach nicht so anerkannt und wird eher als Risiko gesehen. Aber das Lernpotenzial ist enorm. Und meiner Meinung nach gibt es auch nicht wirklich ein Risko, außer dass du wahnsinnig viel lernst und es vielleicht finanziell nicht klappen könnte. Zudem lassen wir sehr viel Potenzial liegen, wenn wir uns nur auf die wirtschaftsnahen Bereiche spezialisieren. Auch Soziologen, Biologen, Physiker und Chemiker nehmen Probleme in ihrem Alltag wahr und könnten daraus etwas machen. Das sollte weiter forciert werden. Wir können das gesellschaftliche Bild dahin verändern, dass dieser Weg zwar als unvorhersehbar, aber auch als sehr interessant wahrgenommen wird. Just do it.

Sievert studierte Medizin in Deutschland, Portugal und Brasilien mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes und promovierte in einem molekularbiologischen Themenkreis. Nach dem Abschluss des Studiums gründete er mit zwei Freunden AMBOSDie Plattform hat seither die Art und Weise, wie medizinisches Know-how erworben und am Point-of-Care eingesetzt wird, grundlegend verändert. Das 2012 gegründete Unternehmen mit Sitz in New York, Berlin und Köln ist auf ein internationales Team mit über 400 Ärzten, Wissenschaftlern und Software-Ingenieuren aus über 50 Ländern angewachsen. Heute verlassen sich mehr als eine Million Angehörige der Gesundheitsberufe in über 180 Ländern auf AMBOSS.

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