Interview mit den Campus Founders – Educational Tech x Stephan Bayer

Mehr als 10 Jahre bist du bereits in der Branche. Was sind die größten Veränderungen in dieser Zeit?

Die EdTech-Branche hat riesige Sprünge gemacht. Das betrifft nicht nur den technischen Fortschritt, sondern vor allem die Sichtbarkeit von digitaler Bildung im schulischen Kontext. Die ist ganz deutlich gestiegen und das wirkt sich auf den Markt aus. Inzwischen tummeln sich immer mehr Anbieter für Schullösungen auf dem europäischen Markt und das Angebot hat sich extrem diversifiziert.

Insgesamt sind die Angebote der EdTechs umfassender geworden, eine Entwicklung, die Corana beschleunigt hat. Hier müssen wir dranbleiben! Alle Lebensbereiche werden digitaler, nur die Schulen hängen weiterhin hinterher. Der Wille ist da, das zeigt sich z. B. in den Sofortgeld-Investitionen der Bundesregierung oder im Digitalpakt. Die Sofortgelder sind aber an zu komplexe bürokratische Vorgaben geknüpft und der Digitalpakt hält kein Geld für digitalen Content bereit. Hier muss nachgebessert werden.

Man hat verstanden, dass Schüler*innen in einer digitalisierten Welt nur Fuß fassen können, wenn sie digitale Kompetenzen, wie Faktenrecherche oder kollaboratives Arbeiten, verinnerlicht haben. Dafür bedarf es einer Neuordnung des Schul- und Prüfungssystems. Das läuft bislang noch gar nicht an. Ich befürchte, dass wir noch ein paar Jahre brauchen werden, bis wir flächendeckend mit adaptiven Tutoringsystemen unterrichten können. EdTech-Start-ups setzen dort an und unterstützen so die Bildungspolitik, auch bei fehlendem digitalen Content oder der virtuellen Vernetzung von Schüler*innen und Lehramtsstudierenden. Sie müssen aber dringend mit an den Tisch geholt werden, wenn es um Reformen und nachhaltige Förderungen geht.


In Deutschland wird oft darüber geredet, dass Bildung zukunftsorientierter werden muss. Was muss sich deiner Meinung nach verändern?

Einiges! Spätestens durch die Pandemie ist der digitale Nachholbedarf deutscher Schulen auf dramatische Weise deutlich geworden. Uns allen ist der holprige Umstieg ins Homeschooling in Erinnerung geblieben.
Worauf wir uns konzentrieren sollten sind folgende Punkte: Ein dynamisches Curriculum, kontinuierliche und vor allem flexible Fortbildungen für Lehrkräfte und ein Fokus auf die Vermittlung von Skills, nicht nur auf das Fachwissen in den einzelnen Fächern.

Wie sieht so ein dynamisches Curriculum aus?

Bei einem dynamischen Curriculum werden die von der Kultusministerkonferenz festgelegten, bundesweiten Bildungsstandards mit Lehrplänen, individuellen Unterrichtsmethoden und Lernmaterial aus digitalen Lösungen verknüpft. Das Curriculum ist nicht länger starr, sondern entwickelt sich dynamisch und kann auf einzelne Lernanforderungen angepasst werden. Runtergebrochen: Wenn die Klasse länger an der Fotosynthese zu knabbern hat, dann kann sich die Lehrkraft mehr Zeit dafür nehmen. Der Lehrplan kann angepasst werden.

Kontinuierliche Lehrkräftefortbildungen gehen damit einher. Es wäre illusorisch zu erwarten, dass sich Lehrkräfte zusätzlich zum Unterrichts- und Korrekturenpensum alle digitalen Skills draufschaffen. Aber wenn Lehrkräfte immer dann eine Fortbildung bekommen, wenn sie sie gerade brauchen, weil sie z. B. mehr über das Unterrichten mit Lernvideos lernen wollen, dann ist die Motivation, die Fortbildung wahrzunehmen, automatisch gegeben. Die Lehrkraft wird so zum pädagogischen Doppeldecker und wendet an, was sie gelernt hat, wodurch wiederum die Schüler*innen in deren Skills geschult werden.


Was sind die größten Innovationen der Ed-Tech-Branche aus den letzten Jahren?

EdTechs richten sich mittlerweile an alle Altersklassen, vom Kindergarten bis ins hohe Erwachsenenalter. Lebenslanges Lernen wird für uns nach Corona noch viel wesentlicher werden. Die Krise hat die bestehenden sozioökonomischen Ungleichheiten im Bildungsbereich verschärft und die Ungleichheit im Stand der Digitalisierung hervorgehoben. Eine vollständige Wiederherstellung verlorener Bildungschancen ist nicht machbar. Daher braucht es lebenslange Bildungsmöglichkeiten, die umfassend, vielfältig und flexibel sind. Darauf stellt sich die Branche ein. Um diese intrinsische Motivation beim Individuum wachzukitzeln, nutzt man vermehrt Gamification-Elemente und Reward-Systeme.

Eine weitere Neuerung ist das Microlearning. Weil unsere Aufmerksamkeitsspanne durch den Social-Media-Konsum deutlich kürzer geworden ist, wird auch der Lernstoff in kleine Einheiten heruntergebrochen. Mit Fakten überladene Zusammenfassungen und monotone Frontalvorträge gehören der Vergangenheit an.

Zudem ist das digitale Klassenzimmer ein Raum, der zusätzlich zum Lernraum Schule immer wichtiger wird. Um tatsächlich unterstützen zu können, muss der Online-Content selbstverständlicher Teil des normalen Unterrichts sein. So wird Schüler*innen das „Nachlernen“ und Vertiefung von Unterrichtsinhalten im eigenen Tempo ermöglicht.


Wie digital ist die deutsche Bildung und wer sind gute Vorbilder, wenn es um innovative Bildung geht? Wo stehen wir im internationalen Vergleich?

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland beim Thema Digitalisierung zurück. Gerade die skandinavischen Ländern sind uns um einiges voraus. Während 2018 in Dänemark bereits 90 Prozent der Schüler*innen einen Zugang zu einer Lernplattform hatten, waren es in Deutschland gerade mal 30 Prozent. Kein Wunder also, dass der Einstieg ins Homeschooling hierzulande so schwerfällig lief.

Und besonders Dänemark hat für mich innovative Ansätze. Vor zehn Jahren wurde dort entschieden: Für jeden Euro, den Schulen für digitale Inhalte ausgeben, packt die Regierung einen weiteren Euro oben drauf. So wurden quasi über Nacht private Anbieter zum digitalen Hauptausstatter der dänischen Schulen. Auf Deutschland übertragen könnte das bedeuten: Jede Schule muss sich überlegen, welche Schulbücher sie kaufen will oder welche anderen

Lizenzen sie anschaffen will (z. B. für Plattformen wie sofatutor) und dafür Geld ausgeben, aber sie bekommen dazu 50 Prozent Subvention von der deutschen Regierung. Ein solches Modell würde auch hierzulande den EdTech-Markt anheizen. Wenn die Schulen zudem mehr Autonomie in der Handhabung ihrer Budgets bekommen, bedeutet das für analoge und digitale Bildungsanbieter, dass sie einem gewissen Innovationsdruck ausgesetzt sind. Das kann für die Zukunftsorientierung der Schulen nur gut sein.

Wo liegen die größten Potenziale für innovative Bildung, die noch nicht ausgeschöpft werden?

In der Interaktion zwischen Schüler*innen und Lehrkräften, der Integration digitaler Lerninhalte und dem Angebot von Lehrkräftefortbildungen.

Für junge Menschen ist Schule viel mehr als ein Lernort. Sie fungiert als essentieller Raum für Begegnungen, Interaktion und Austausch. Die zwischenmenschliche Ebene sollte daher nicht nur zwischen den Schüler*innen im Fokus stehen, sondern auch in der Interaktion mit den Lehrkräften. Das klassische „Erklärmonopol“ verschwindet bereits aus den Klassenzimmern. Vielmehr wird zukünftig ein lernbegleitendes Gestalten des Unterrichts zur Hauptaufgabe von Lehrkräften werden. Die Wissensaneignung kann dann durch interaktive digitale Inhalte geschehen, während sich Lehrkräfte auf die individuelle Vertiefung konzentrieren können. Denn Kinder lernen unterschiedlich. Um auf die individuellen Stärken und Bedürfnisse der Schüler*innen einzugehen, fehlt es derzeit an Personal und Kapazitäten. Hier können digitale Tools unterstützen. Das gibt Lehrkräften die Zeit, sich um Kinder zu kümmern, die persönliche Hilfe brauchen. Gleichzeitig erlauben diese Tools den Kindern selbst, ihren Lernfortschritt zu reflektieren und tiefer in Themen einzutauchen.

Was muss geschehen, damit diese Potenziale genutzt werden können?

Das Angebot der EdTech-Szene ist schon jetzt breit gefächert und kann oft schlüsselfertig eingesetzt werden. Nun liegt es an Bund und Ländern, den Schulen den Zugriff auf die besten Lernressourcen zu ermöglichen. Übergeordnet steht die entsprechende Fortbildung von Lehrkräften. Einer GEW-Umfrage zufolge empfinden nur 18 Prozent der Lehrer*innen das Angebot an Fortbildungen zur Digitalisierung als ausreichend. Hier wäre mein Wunsch, dass es mehr hybride oder digitale Formate gibt, die die Lehrkräfte dann fortbilden, wenn sie es brauchen: Ein sofatutor für Fortbildungen, wenn man so will.


Häufig werden veraltete Schulen oder bürokratische Hürden als Probleme der Bildungspolitik ausgemacht. Was kann jeder einzelne machen, um Fortschritt und Innovation voranzutreiben?

Offen sein für Veränderungen und über den Tellerrand schauen. Man sollte sich in seiner Rolle als Lehrkraft, Elternteil und Schüler*in positiv als Teil des Systems begreifen und Netzwerke bilden, in denen man sich aktiv austauscht. Aber nicht nur diejenigen, die jeden Tag Schulen von innen sehen, sollten über Bildung nachdenken, sondern wir als Zivilgesellschaft sollten eine offene Schule anstreben. Hier sind interdisziplinäre Workshops wie der #wirfürschule-Hackathon toll, wo Lehrkräfte, Menschen aus der öffentlichen Verwaltung, Eltern, Fachdidakter*innen und Schüler*innen gemeinsam Konzepte für die Zukunft der Bildung entwickeln. Ich habe z. B. mit anderen professionellen Anbietern die Initiative der deutschen digitalen Bildungsanbieter (iddb) gegründet. Uns ist es ein Hauptanliegen, dass wir aktuell nicht zu lange warten, ehe Kinder und Jugendliche ihre Corona-Lernrückstände aufarbeiten können. Außerdem streben wir die aktive Einbindung digitaler Lernhilfen in das Aufholkonzept der Bundesregierung an.


Welche Rolle sollten Lehrkräfte beim digitalen Wandel in der Bildung einnehmen?

Lehrkräfte sind die Gestalter*innen des Bildungswandels. Laut Hattie-Studie sind sie einer der wichtigsten Gelingensfaktoren für erfolgreiche Bildungswege unserer Kinder. Und in diesem Beruf gibt es ein Engagement, das seinesgleichen sucht. Was wir wirklich anerkennen müssen, ist die Bereitschaft der Lehrkräfte sich weiterzubilden und neue Tools auszuprobieren: Wir müssen ihnen nur die passenden Angebote machen.


Wird Corona eine nachhaltige Wirkung auf die EdTech-Branche haben?

Die hat sie bereits! Durch die Pandemie hat sich der Markt nochmal stark vergrößert. Wir bei sofatutor haben eine Nachfrage wie nie zuvor erlebt. Gleichzeitig sind ganz neue Bedürfnisse bei Eltern, Schüler*innen und Schulen entstanden. Auch langfristig hat Corona Auswirkungen auf Bildung und die EdTech-Szene. Unsere Umfragen unter Lehrkräften, die sofatutor nutzen, zeigen, dass 45 Prozent der Lehrkräfte nach der Pandemie mehr Tech/Software im Unterricht nutzen. Die Branche wird sich auf diese Zielgruppe künftig stärker einstellen müssen. Gleichzeitig braucht sie bessere Zugänge und Förderungsmöglichkeiten von Seiten des Bundes.

Wer sind Gründerinnen und Gründer aus der deutschen Edtech-Szene, die jeder kennen sollte?

Da gibt es viele und es werden immer mehr! Einen großen Einfluss auf den Bildungsdiskurs in Deutschland hat definitiv Verena Pausder. Als Gründerin, Autorin und Initiatorin diverser Initiativen weiß sie genau, was gerade wichtig ist und setzt ihre mediale Strahlkraft für die richtigen Dinge ein. Nicht zu vergessen sind natürlich alle Mitglieder der iddb wie Björn Jopen von cleverly und Alexander Giesecke von simpleclub.

 

Stephan Bayer (38) ist Gründer und Geschäftsführer von sofatutor, der umfangreichsten Online-Lernplattform für Schulthemen im deutschsprachigen Raum, die er während seines Studiums gründete. Er ist außerdem Experte für digitale Bildung, Soziologe und Politologe sowie Podcaster. In seinem Podcast „School must go on“ spricht er regelmäßig mit internationalen Gästen über Innovationen im Bildungsbereich. Zusätzlich gründete er unter anderem das Digital Career Institute (DCI) mit, engagiert sich als Vorstandsmitglied bei media.net sowie SIBB e.V. und ist Mitgründer des Vereins Tech in the City. Vor kurzem hat er mit weiteren Bildungsexpert*innen die Initiative deutscher digitaler Bildungsanbieter ins Leben (iddb) gerufen.

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